Let's do a little yoga

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Let's do a little yoga

Dienstag, 22. August 2017

„Einatmen, ausatmen, inne halten.“ – Was wie der Beginn einer normalen Yogastunde klingt, kann man sinngemäß auch auf die Unternehmens-entwicklung übertragen. Wer sich Zeit nimmt, seine Ziele und den Weg dahin immer wieder zu hinterfragen, entwickelt Rituale, die dabei helfen, die richtigen strategischen Entscheidungen zu treffen.

 

Rekordumsätze der digitalen Champions, Fast Fashion weiter auf Verdrängungskurs, Entmietung überdistribuierter Brand-Retailer, Discount-Formate wachsen in der Innenstadt, weiter sinkende Frequenzen und Flächenleistungen, veränderte Kundenerwartungen: „Die Mode ist tot – es lebe die Mode“. Der mentale und wirtschaftliche Druck auf wenig differenzierte Geschäftsmodelle ist enorm. Die Herausforderungen sind groß und dafür gibt es oft keine einfachen Lösungen. Es bedarf tieferen Nachdenkens und das ist, wie Steve Jobs einmal anmerkte, sehr anstrengend. Die Dinge bis zum Ende durchzudenken, kostet Zeit, Disziplin und braucht einen klaren Kopf.

Ähnlich wie bei Individuen gibt es oft auch bei Organisationen einen Zustand der Unklarheit und Verunsicherung. Intensive Außenreize treffen die Organisation schnell und unregelmäßig. Fragen bleiben unbeantwortet, die Orientierung fehlt und damit steigt die Furcht vor Fehlern. Die daraus resultierenden organisatorischen Verhaltensmuster reichen von Hyperaktivität bis zu selektiven Lähmungserscheinungen. Dabei wird unter Stress gerne ausgeblendet, dass keine Entscheidung auch eine Entscheidung ist. Jeden Tag „eine andere Sau durchs Dorf zu treiben“ ist andererseits auch nicht hilfreich, einen nachhaltig erfolgreichen Weg durch stürmische Zeiten zu finden.

 

Wie erreicht also ein Unternehmen Klarheit? Warum nicht mit ein wenig Yoga? Was auf den ersten Blick befremdlich klingt, ist einen zweiten Blick wert, denn Perspektivwechsel bewirken oft Wunder. Eine typische Yoga-Session beginnt damit, bewusst und tief zu atmen, dabei die Gedanken zuzulassen, sie aber nicht weiter zu verfolgen, achtsam zu sein, im Hier und Jetzt.

 

Aus eigener Erfahrung wissen wir nur zu gut, wie schwer es ist, bei all den dringlichen Angelegenheiten den passenden Rahmen zu schaffen, um über die wichtigen Dinge nachzudenken. Wer schon einmal Meditationserfahrungen gemacht hat, weiß, wie schwer es ist, einen ruhigen Geisteszustand zu erreichen. Schließt man die Augen, schießen oft unzählige Gedanken nahezu gleichzeitig durch den Kopf, was die Zen-Buddhisten „Monkey Mind“ nennen.

 

Während das Individuum durch das wiederholte Durchlaufen der Yoga-Übungen mentale und körperliche Stärkung erfährt, sind es bei den Unternehmen Strategie-Übungen, die den Blick fürs Wesentliche schärfen und die Organisation stärken. Was beim Sonnengruß die Vorwärtsbeuge, der herabschauende Hund oder die Cobra, ist beim Management-Yoga z.B. die SWOT-Analyse, die Kernkompetenzanalyse, das Business Modell Canvas oder die Stakeholder-Analyse.

 

Essentiell für beide Felder ist die regelmäßige Wiederholung, das Ritual. Genauso wenig wie eine einzelne Yoga-Session Körper und Geist stärkt, reicht ein einmaliges Strategiewochenende, um Klarheit und Überzeugung für den richtigen Weg zu schaffen. Auch beim Management-Yoga lässt erst das immer wiederkehrende Durchlaufen der einzelnen Übungen Stärken, Schwächen, Risiken und Chancen erkennen und das, was es wirklich braucht, sich im Markt erfolgreich durchzusetzen. Wissen wir nicht alle, wie schwer es ist, den Dingen auf den Grund zu gehen, gemeinsame Überzeugungen zu gewinnen und danach zu handeln bzw. zu führen? Das Ritual, der wiederkehrende „Flow“ der Übungen hilft, Nebengeräusche auszublenden und die Punkte zu verinnerlichen, die wirklich den Unterschied machen.

Wer schon einmal versucht hat, aus Zeitgründen die Yoga-Klasse zu schwänzen und die Übungen lieber alleine zu machen, weiß, wie schwer das ist. Den meisten macht es keinen Spaß und es funktioniert irgendwie nicht. Es ist nicht einfach, auf der einen Seite den Übungsablauf im Auge zu behalten, darauf zu achten, die einzelnen Übungen nebst Atmung sauber durchzuführen, und dabei den gewünschten Zustand der Fokussierung und Entspannung zu erreichen.

So wie es aus diesem Grund Yoga-Lehrer gibt, ist es auch für das Management-Team sinnvoll, die strategischen Übungen oder später das Einbinden der Organisation in die Vision und Strategie durch erfahrene Externe moderieren zu lassen. Erst wenn sich die Manager wiederholt in einer offenen Diskussion die wahren Stärken und Schwächen der Unternehmung eingestehen und die Anforderungen der Märkte und Kunden erkennen, lässt sich eine wirkliche „Unique Value Proposition“ formulieren. Das zu erreichen klingt theoretisch einfach, ist aber in der Praxis oft nicht einfach umzusetzen.

Nicht etwa die Inhalte sind die Herausforderung, sondern häufig die Egos der Beteiligten oder vermeintlich kurzfristige Erfordernisse. Erst durch eine erfahrene Moderation gelingt es, den Fokus eines Management-Teams vom Dringlichen auf das Wesentliche zu verschieben. So ist auch der Harvard- Professor Roger Martin der Überzeugung, dass eine erfolgreiche Unternehmensstrategie nur in einem iterativen Prozess entwickelt werden kann. Es braucht Zeit und mehrere Schleifen, bis sich das Management- Team fünf simple Fragen gemeinsam und zweifelsfrei beantworten kann:

1) Was wollen wir erreichen und was sind unsere konkreten Ziele?

2) Auf welchen möglichen Feldern wollen wir spielen und auf welchen nicht?

3) Wie wollen wir auf dem Feld gewinnen und gegen welche Widerstände/Wettbewerber müssen wir uns durchsetzen?

4) Welche Mittel und Fähigkeiten müssen wir dafür aufbauen und erhalten?

5) Wie sorgen wir für den Aufbau und Erhalt dieser Mittel und Fähigkeiten?

Erfahrene Veränderungsmanager wissen, dass es für dieses Procedere keine Abkürzung gibt, erst recht nicht alleine und in diesen stürmischen Zeiten.

 

Sehr häufig findet man plausible Unternehmensstrategien im Powerpoint- Format und ein Management-Team, das mehr oder weniger davon überzeugt ist. Eher selten beobachtet man, dass die Strategien von der Organisation durchgängig verstanden und angenommen werden. Erfolgreiche Veränderungen zeigen, dass es viel Zeit, Energie und Wiederholungen benötigt, um die Organisation einzubinden und die Relevanz der Strategie für die jeweiligen Bereiche und Funktionen herauszuarbeiten.

So wie das persönliche Yoga seine Kraft aus dem Wechsel von Anspannung und Entspannung zieht, so schaffen erfolgreiche Unternehmen regelmäßig Raum und Zeit im operativen Alltag, um sich der kontinuierlichen Weiterentwicklung ihres Bereichs und des Unternehmens im Sinne der Strategie und Vision zu widmen.

Die Methoden, die Organisation mit auf die Reise zu nehmen, sind so vielfältig und kreativ wie es Übungen im Yoga gibt: Am Ende kommt es eigentlich nur darauf an, dass die Unternehmung die für sie passenden Methoden findet, sich und die ganze Organisation regelmäßig umfassend an der Vision und Strategie des Unternehmens auszurichten. Erst wenn dies für alle Unternehmensbereiche und -funktionen in Fleisch und Blut übergegangen ist, wenn also die ganze unternehmerische Wertschöpfung darauf einzahlt, findet Unternehmensentwicklung wirklich erfolgreich statt. So einfach ist Yoga. Marcus Sewtz ist Unternehmensentwickler bei Team Retail Excellence. Ihm geht es darum, Menschen und Organisationen zu befähigen, ihre Vision und den Weg dahin zu finden.

 

Marcus Sewtz

ist Unternehmensentwickler bei Team Retail Excellence. Ihm geht es darum, Menschen und Organisationen zu befähigen, ihre Vision und den Weg dahin zu finden.