Lernt Mandarin! - Eine Studienreise mit Selbstversuch zur Transformation

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Lernt Mandarin! - Eine Studienreise mit Selbstversuch zur Transformation

Mittwoch, 15. Januar 2020

Transformation und Change in Deutschland und im deutschen Handel? Wie lange werden wir noch darüber reden? Wann werden wir von der Technik und der Einstellung kommender Generationen überholt? Warum tun wir uns so schwer und was bringt ein Blick über den Tellerrand? Eine Studienreise des Autors nach Asien wird zur Selbsterfahrung – und das Stilmittel der Polemik hilft bei der Verarbeitung.

 

Hintergrund und Untersuchungsobjekt
Wir beschäftigen uns in Deutschland und Europa intensiv und auf allen Ebenen mit den großen und immer stärker spürbaren Herausforderungen der Digitalisierung. Im Großen bewegt es Politik und Gesellschaft – Grundpfeiler der Demokratie kommen auch aufgrund technologischer Möglichkeiten ins Wanken. Konkret spüren wir es in unserer Konsumgüter- und Handelswelt. „Um wieviel ist Amazon wieder (ohne Steuern zu zahlen) gewachsen?“ „Wie viele mittlere Marken und Händler hat es diesmal erwischt?“ Und im Privaten sind wir beeindruckt, wie unsere Kinder spielerisch – von bewusst bis naiv - neue Techniken in ihr Leben einziehen lassen. Oder sind überrascht, wie selbst unsere Eltern und Freunde sich enthusiastisch ihre Privatsphäre abhören lassen.

In Unternehmen setzen deren Lenker, je nach Gusto und finanziellen Möglichkeiten, mindestens umfangreiche Projektlandschaften dazu auf und grasen den Arbeitsmarkt nach gerade freigewordenen Data- Scientisten ab. Sie schaffen neue Funktionen und Stäbe und pilotieren und roll-outen neue Technik-Features, was das Zeug hält. Manche versuchen es über die organisatorische Pflicht-Integration („Das muss in jeden Kopf!“), manche schwören auf Disruption und setzen CDO’s samt Teams ein, die „neben“ der Hauptorganisation die neue Technik „inkubieren“ sollen. Manche tun auch gar nichts – von denen hört man aber eher wenig auf Kongressen.

Der Versuchsaufbau und -ablauf

Ein Blick über den Tellerrand nach Asien, genauer zur diesjährigen PI-Apparel in Hongkong, hat mir sehr geholfen, mein Radar neu zu justieren und meine eigenen drängenden Fragen teilweise zu beantworten. Mit einer Mischung aus Faszination und Abwehrhaltung war ich Gast in einer doch spürbar anderen kulturellen und sozialen Schichtung. Da waren überdurchschnittlich viele junge – natürlich exzellent ausgebildete asiatische – technik- und technologie-affine Ingenieur/ innen, sowohl im Publikum als auch auf der Bühne.

Die Themen drehten sich um alles, was es derzeit an Schlagwörtern im Rahmen von Industrie 4.0 gibt. Ganz vorne dabei 3D-Sampling und Virtuelle Produktentwicklung, gefolgt von PLM, Schnitt-Technik, Big Data in der Qualitätsprüfung, Kreislaufwirtschaft, Künstliche Intelligenz und Human Robotics. Immer ging es um Vernetzung und durchgängige Integration von Daten für bessere Entscheidungen. Worum auch sonst? Abgerundet wurde meine dreitägige Studienreise durch Gespräche mit einigen Ex-Chefs, Ex-Kollegen und Ex-Pats – auch deren Einordnung von Veränderung und kulturellen Unterschieden lieferten mir wertvolle Hinweise.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Wichtigste vorweg: Ich wollte eine kulturelle Untersuchung zu Veränderung und technologie-getriebenem Wandel außerhalb Deutschlands durchführen und stellte fest, dass ich in meinem Versuchsaufbau selbst zum Untersuchungsobjekt wurde. Change und Change-Resistenz beobachten und dies am eigenen Leib erfahren. Spannend!
 

Beobachtungen und Hypothesen

Nahezu jeder Vortrag enthielt einen eigenen Agenda-Punkt zu Change, Transformation, Mind-Set oder wie auch immer wir das Abenteuer mit den Menschen nennen wollen. Und wer im Vortrag nicht darauf einging, erhielt Fragen aus dem Plenum. Also auch hier war das Thema ganz oben gesetzt und machte genauso Kopfzerbrechen. Hier war ich also richtig und musste nur gut zuhören!

Beobachtung 1 – „Wir“ sind das Problem

„Das Problem sitzt vor dem Rechner“, ein alter Spruch vom Help- Desk, wenn mal wieder mein PC nicht lief. Und genau diese Botschaft war im Raum spürbar: „Das Problem sitzt in Europa und ist der Kunde.“ Die sich bietenden technologischen Möglichkeiten zu Prozessverbesserung, Datentransparenz, Schnelligkeit, Ressourcen-Schonung würden durch unsere (westliche oder einfach störrische) Einstellung zur Digitalisierung und damit verbundener Chance-Resistenz oftmals verhindert. Fast durchgängig berichteten Produzenten und Dienstleister, dass die Kunden die Umsetzung eher verhindern oder verzögern, mindestens jedoch überhaupt nicht treiben. Und das, obwohl sie eigentlich den größten Nutzen davon hätten. Fazit eines Produzenten: „We had to start, even our clients did not encourage us!”

Beobachtung 2 – Viele nennen es Transformation, meinen aber etwas ganz Anderes

Leicht ernüchtert war ich dann aber über einige mit unheimlicher Inbrunst vorgetragene Lösungen zur Transformation: „Just be more nerdy and geeky – just love technology.“ Na ja, das ist in etwa so, als wenn man einem Analphabeten als Lösung seines Problems nahelegt, doch Bücher einfach noch ein bisschen mehr zu lieben. Oder auch dies: „You just need to train more the people in the organisation.” Aha, ich wusste es, wenn man etwas unbewusst oder bewusst ablehnt, aus Angst, Unsicherheit und innerer Haltung, dann einfach noch mehr vom selben! Klar, ohne jede Form von Wissensvermittlung muss Transformation scheitern. Doch ich bezweifle, dass Experten in ihren jeweiligen Bereichen neue Technologien deshalb ablehnen, weil sie es technisch nicht verstehen.


 

Beobachtung 3 – Transformation geht letztlich auch viel einfacher: Move or get moved

Zunächst nicht sehr elegant erscheinend, hat mich ein Vortrag dann doch bewegt. Die Antwort auf das Change-Erfolgsrezept zur digitalen Produktentwicklung war einfach und frappierend zugleich: „Well, we moved to a new building – which is outstanding within our local area and industry. We became attractive to young experts. We hired them, so we have now the people with the right mindset.” Vielleicht ist das wirklich der Weg, und teilweise sind die CDO- und Team-im-Team- Strukturen bei uns nur der gleiche, aber etwas halbherzige Ansatz. Jedenfalls kann ich mir gut vorstellen, dass man in Regionen mit anderen Möglichkeiten und Nachwuchspotenzialen so deutlich schneller vorwärtskommt.

Während ich bisher zwar die Lösungen nicht komplett auf Europa übertragbar fand, hatte ich doch einen hohen rationalen Buy-In. Ich fragte mich persönlich, wo und in welchen Themen ich vielleicht mehr „nerdy“ sein sollte. Auf jeden Fall ist Neugier auf Neues ein Hebel, aber auch vorurteilsfreie Diskussion mit den Generationen Y und Z. Und manche ewigen Befindlichkeiten Einzelner müssen vielleicht etwas „dynamischer“ angegangen werden.

Beobachtung 4 – Grenzziehung im Fortschrittsglauben: Jeder muss für sich entscheiden

Doch bei „Sophia“ checkte ich aus! Das überstieg meine Resilienz und meinen Fortschrittsglauben. Sophia ist ein Human Robotic, ein „Star“, mit dem ernsthaft Interviews geführt werden, der Meditationsstunden hält und auf den - laut deren Schöpfer – die Menschen sehr, sehr positiv reagieren. „Sophia helps us to make us better human beings.“ oder „Super-intelligence is the final goal as a species. We will either destroy our-self or reach superintelligence and singularity.” WTF! Wir haben täglich tausende Menschen und hunderte Kommunikationspunkte um uns herum, sehen Freunde und Bekannte viel zu wenig. Und da soll ich auf einen Roboter zugehen und glücklich sein, dass er mich anspricht? Und übrigens: Singularität, ganz kurz definiert, ist der ungeplante, exponentielle Entwicklungssprung, der nicht vom Menschen ausgelöst oder beeinflusst wird. „Matrix“ und „Blade Runner“ wären dann doch keine Science Fiction. Doch links und rechts um mich herum lächelte das Publikum fasziniert.

Ich jedoch spürte Ärger, Wut und Ablehnung. Die positiven Anwendungen blendete ich einfach aus. Ja, jetzt verstand ich, wie es sich anfühlt, wenn das technologisch Mögliche die eigenen Wertvorstellungen sprengt. Und was, wenn das anderen bei anderen Themen genauso ergeht? Wie erreicht man Menschen dann noch, wenn sie im „Tunnel“ sind? Später lernte ich, dass ich das „Uncanny Valley“ erreicht hatte, den Akzeptanzpunkt, an dem Menschen Robotern mit Abscheu begegnen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 
„Sophia“ ist das griechische Wort für Weisheit. Passt das zu einem Roboter?

 

Schlussfolgerungen

Fazit 1: Aufholen, jetzt!

Im globalen Technologiewettbewerb hinken wir für die nächsten Jahre China hinterher – aber aufholen ist möglich! Der First Mover ist nicht immer der Gewinner! Trotzdem sollten zumindest die unter 30-Jährigen Mandarin lernen…also jedenfalls nicht ich, also eher die anderen!
 

Fazit 2: Legen wir eine Schippe drauf!

Ein rückwärts- und risiko-fokussiertes Handeln wird schneller und härter bestraft. Es geht darum, die Taktzahl zu erhöhen. Schneller zu testen, schneller zu adaptieren oder zu verwerfen. „Wie, in diesem Jahr bist du nur einmal gescheitert? Nicht genug angestrengt, was?“

Fazit 3: Auschecken im Transformationsprozess erlaubt!

Konsequenzen kennen und akzeptieren. Jeder kann an vollkommen unterschiedlichen Punkten auschecken (hat sein „Uncanny Valley“ zum Fortschritt). Dann nützen keine Trainings und noch weniger Predigten. Versuchen, den Mitarbeiter oder Kollegen da abzuholen, wo er steht. Dennoch muss gemeinsam und klar bewertet werden, ob es in dieser Rolle und Verantwortung mit den Unternehmenszielen vereinbar ist. Vielleicht ist Trennung erforderlich. Nichts ist schlimmer, als wenn wir etwas von Mitarbeitern erwarten, das sie im tiefsten Innern verbiegt. Burnout for granted!

Fazit 4: Nutzen wir die Kraft der Generationen!

Arbeiten und kommunizieren mit jungen Mitarbeitern und den Konsumenten von morgen. Mischen von Teams und Kompetenzen. Keinen Konflikt zulassen, kein Abkoppeln von Generationen. „Rezo und die CDU“ – so hieß das Lehrstück im Mai 2019.

Fazit 5: Rausgehen!

Jedes Jahr sich eine Studienreise und ein Raus aus dem gewohnten Umfeld gönnen. Perspektiven verengen sich schnell und nichts macht mehr Spaß, als sich Neuem zu stellen und sich selbst zu beobachten. Das muss nicht immer Hongkong sein – vielleicht das nächste Mal die Berge, ein Kloster, die South by South West in Austin oder auch nur ein Wochenende mit Kollegen, um außerhalb der Norm sich gegenseitig zu inspirieren.

 

Oliver Schlömann

hat ein Faible für Selbstversuche, weil sie wichtiger Teil seiner persönlichen Lernprozesse sind.